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Vorwort von Florian Apler
Als ich nach einigen Tagen im Gefängnis beschloss, das tagtäglich Erlebte in einem Tagebuch niederzuschreiben, ahnte ich nicht, dass es ein sehr langes Tagebuch werden würde, weil ich die nächsten 17 Monate unschuldig hinter Gittern verbringen würde. Ich hatte noch keinen Schreibblock, und so nutzte ich für meine Notizen zunächst das Werbegeschenk einer Versicherung, einen Tischkalender, den ich vom Gefängnisseelsorger geschenkt bekommen hatte.
All das Unfassbare Tag für Tag niederzuschreiben, war während meiner langen Untersuchungshaft für mich ein wichtiger mentaler Anker. Warum eigentlich? Es waren doch absolut keine schönen Erinnerungen, Gedanken oder Erlebnisse, die ich für mich bewahren wollte, so wie die Beschreibung von herrlichen Urlaubstagen in einem Urlaubstagebuch. Aber das war nicht der Sinn und Zweck. Ich wollte, dass alles, was sich zwischen den unüberwindbaren, mit Stacheldraht umzäunten Mauern ereignet hatte, irgendwann den Weg nach draußen, in die Öffentlichkeit finden sollte.
Für mich war es ein Es-darf-nicht-vergessen-werden-Tagebuch. Der Impuls zum Niederschreiben und damit zum Konservieren des Erlebten kam durch unsere kleine Tochter. Wenige Wochen vor meiner Verhaftung am 27. Februar 2022 war sie fünf Jahre alt geworden, und mein Mäuschen sollte später alles aus meiner Perspektive lesen können, falls ich es nicht aus dem Gefängnis schaffen sollte, bevor sie eine erwachsene Frau ist. Sie sollte ihr Wissen über mich und den Tod ihres Bruders nicht aus Presseartikeln mit vielen Lügen und Halbwahrheiten beziehen müssen.
Nach einem glücklichen Ausgang der Geschichte, einem glatten Freispruch, sah es ja bis zum Prozessbeginn und eigentlich auch bis zu seinem Ende absolut nicht aus. Denn ich war bereits vorverurteilt als Mörder meines eigenen Kindes – von mehreren Gerichten bis hinauf zum Obersten Gerichtshof, von den meisten Medien und auch von vielen selbsternannten Richtern, die ihre Ansichten in Kommentaren
zu Presseartikeln über den Fall verbreiteten. Dieses Kapitel, das sich am frühen Morgen des 28. August 2022 in unserem Familienleben aufgetan hatte, hätte ich am liebsten niemals erlebt. Uns ist das Schlimmste passiert, was man sich als Eltern vorstellen kann, wir haben eines unserer Kinder verloren, mussten unseren geliebten Schnuffi zu Grabe tragen.
Und sechs Monate später, morgens auf dem Weg zur Arbeit, wurde ich unter dem ungeheuerlichen Vorwurf verhaftet, meinen eigenen Sohn kaltblütig ermordet zu haben.
All das, was mir danach in 522 Tagen Untersuchungshaft unter unwürdigen Haftbedingungen im Gefängnis und vor verschiedenen Gerichten widerfahren ist und was meine Familie draußen in Freiheit alles ertragen musste, habe ich niedergeschrieben. Aus dem spärlichen Lesestoff, der mir in der Untersuchungshaft zur Verfügung stand, habe ich mühsam Zitate gesucht, die mit wenigen Worten meine Gefühle zum Ausdruck brachten und dann Einzug in mein Tagebuch fanden. Die kraftvollsten beschließen nun die Kapitel in diesem Buch.
Es sind unglaubliche Dinge passiert, die ich vorher nie für möglich gehalten hätte. Ich selbst war acht Jahre lang in Deutschland als Zeitsoldat im Staatsdienst tätig und hatte als Teil des Systems großes Vertrauen in dieses System. Dieses Vertrauen schloss auch die Polizei mit ein, Ermittler, Staatsanwälte und Richter. Nur wurde dieses Vertrauen seit dem 28. August 2022 dem Erdboden gleichgemacht, planiert und pulverisiert.
Ich bin jetzt seit einiger Zeit wieder zu Hause, und wenn ich das jetzt schreibe, kommt mir das Geschehene schon fast unwirklich vor. Als sei es nie geschehen. Wie ein böser Traum. Ich wünschte, ich könnte aufwachen, und unser süßer kleiner Leon würde neben mir im Bett liegen und schlafen.
Die Zeit seit Ende August 2022 hat tiefe Wunden bei meiner ganzen Familie und auch bei mir hinterlassen. Es sind Wunden, die man nicht sieht, die sich aber so tief in die Seele gegraben haben, dass sie dort wohl für immer bleiben werden.
Am liebsten würde ich alles vergessen, ausradieren aus meinem Gedächtnis, doch es geht nicht. Nicht weil es nicht möglich ist, sondern, weil es nicht vergessen werden darf.
Der skandalöse Ablauf der Ermittlungen, der unserer Familie und unseren Freunden so viel Leid bereitet hat, der mich hinter Gitter gebracht hat, auf die Anklagebank und beinahe ins Grab, muss schonungslos durchleuchtet werden. Die Verantwortlichen sollen für immer und ewig auf Papier festgehalten werden, schwarz auf weiß. Das ist in meinen Augen die einzige Möglichkeit, die uns bleibt, um Gehör zu finden und vielleicht einige Denkanstöße zu liefern.
Ich befürchte, es bleibt ein Kampf gegen Windmühlen im Rechtsstaat Österreich, wo Recht nicht immer gleichzusetzen ist mit Gerechtigkeit.
Seit meinem Freispruch haben wir der Tiroler Polizeispitze mehrfach Gespräche angeboten, um aufzuzeigen, was bei den Ermittlungen alles – bewusst oder unbewusst – schiefgelaufen ist. Bis heute gab es kein Gespräch und seitens des Staates nicht einmal ein „Entschuldigung“.
Aber eines ist gewiss: Meine Familie und ich werden nicht ruhen, bis der wahre Täter gefasst ist. Denn für uns ist es nicht einfach der „Fall Leon“, für uns ist es viel mehr, wir haben mit Leon unseren Sohn verloren. Aber es bleibt uns gar nichts anderes übrig, als auf diese von der Presse geprägte Bezeichnung zurückzugreifen, weil jeder sofort weiß, um was es geht.
Wir haben die Website https://der-fall-leon.de/ eingerichtet, auf der wir alle Details veröffentlichen werden, verknüpft mit der Hoffnung, dass sich Zeugen an uns wenden, auch solche, die sich damals bereits ans LKA gewandt hatten. Leider haben wir spätestens seit den Aussagen des leitenden Beamten im Prozess die einhundertprozentige Gewissheit, dass viele Informationen gar nicht erst aktenkundig wurden, noch immer haben wir den Verdacht, dass uns Ermittlungsunterlagen vorenthalten und Ergebnisse noch immer gefiltert werden.
Vielleicht ist ja gerade bei den Beobachtungen, die nicht zum „gewünschten Bild“ passten, der entscheidende Hinweis dabei. Auch deshalb gibt es dieses Buch.
Hier gibt es keine Ausreden, keine fehlenden Zuständigkeiten. Hier kann nichts vergessen oder gelöscht werden, fälschlich ausgewertet oder erst gar nicht untersucht werden. Es steht da, es bleibt, und es zeigt Dinge auf, die für die meisten wohl unvorstellbar sind.
Wie geht es für meine Familie und mich nun weiter? Unsere komplette Existenz ist zerstört worden, und wir haben so viele Schulden machen müssen, um Gutachter und Anwälte zahlen zu können, dass wir dafür aufkommen müssen, bis wir alt und grau sind.
Die Liebe meiner Frau und meiner Tochter, der enorme Rückhalt unserer Verwandten und Freunde haben mich durch diese Zeit getragen.
Diese Herzensmenschen waren, egal was über mich geschrieben wurde, an meiner Seite und haben für mich gekämpft. Ohne diese Menschen hätte ich niemals eine Chance gehabt und würde jetzt mit einer sehr langen Haftstrafe unschuldig im Gefängnis sitzen.
Neben meiner Löwen-Frau, die bis über die Grenzen des Machbaren gekämpft hat und sogar ihre Praxis für mich aufgegeben hat, hatte ich noch das unendliche Glück, einen absolut genialen IT-Experten in der Familie zu haben: meinen Cousin Marco, der in monatelanger akribischer Arbeit die unglaublichen Ermittlungsfehler des LKA aufdeckte. Dazu meine Anwälte Dr. Albert Heiss und Mag. Mathias Kapferer, die mich mit einem extremen Arbeitspensum und Engagement verteidigten. Und natürlich meine Schwiegereltern und mein Schwager, die sich rührend um meine Damen kümmerten und viele meiner Aufgaben übernahmen.
Dieses unerschütterliche Vertrauen meines Umfeldes berührt mich noch immer sehr. So viele weitere tolle Menschen sollten genannt werden, doch sprengt es den Rahmen und birgt die Gefahr, jemanden zu vergessen. Für die vielen Briefe, Besuche und die finanzielle Unterstützung werde ich euch für immer sehr dankbar sein.
Im Gefängnis habe ich einiges übers Menschsein und die Menschlichkeit dazugelernt, mir selbst strenge Regeln auferlegt, um gesund und fit zu bleiben. Ich musste sehr viel über mich ergehen lassen, um bei den Justizbeamten nicht in Ungnade zu fallen. Alles, angefangen vom Essen übers Schlafen, das Mentaltraining, die Gespräche mit den Psychologen, das Schreiben, bis hin zum sportlichen Training in der Zelle und dem Gefängnishof, alles, einfach alles habe ich dem einen Ziel untergeordnet: die Ermittler von meiner Unschuld zu überzeugen und wieder nach Hause zu meinen Liebsten zu kommen.
Das Leben hinter Gittern habe ich überstanden, meine Freiheit zurück erkämpft, und nun darf ich meine Frau und meine Tochter wieder jeden Tag in die Arme schließen, worüber ich unendlich dankbar und glücklich bin. Aber die Folgen dieser skandalösen Ermittlungen und der daraus resultierenden Anklage werden uns als Familie ein Leben lang begleiten.
Eines habe ich mir im Gefängnis geschworen: Ich möchte das Leben mehr durch die Augen unseres Schnuffis Leon betrachten. Er hat die Wunder gesehen, die unsere Welt täglich für uns bereithält. Er hat nur das gemacht, was ihm Freude bereitete, und nur die Menschen akzeptiert, die ihm guttaten. Er konnte zwar nicht sprechen und war in vielen Bereichen auf unsere Hilfe angewiesen, trotz allem aber war er mir und vielleicht auch vielen anderen Menschen meilenweit voraus. Er hat mit seinem Wesen so viele Menschen berührt und mit seinem Lachen, dem schönsten Lachen der Welt, angesteckt. Wir vermissen unseren großen Schatz so sehr und würden alles dafür geben, ihn wieder in die Arme schließen zu können.
Florian Apler, im Dezember 2024
„Unser Leben ist das wertvollste Buch, das uns überreicht worden ist.“
⸺ Papst Franziskus
Inhalt des Buches
Vorwort von Florian Apler 8
Vorwort von Rechtsanwalt Volker Schütz 13
Auszüge aus dem Vernehmungsprotokoll vom 31. Mai 2023 17
„Sie dürfen den Gerichtssaal als freier Mann verlassen“ – Teil 1 20
Leon – Mein geliebter Schnuffi 22
Der 28. August 2022 – Ein Tag der Tränen 27
Die Medien – Das große Drama 34
Im tiefen Loch – Die traurige Zeit ohne unseren Leon 36
Die Konstruktion eines Mordfalls 41
27. Februar 2024 – Die Verhaftung auf der Landstraße 48
Der Albtraum beginnt – Aufwachen unmöglich 55
Die Medien – Der Vater war's! Richten oder Berichten? 66
Das Tagebuch von Untersuchungshäftling 186554 69
Inside – Outside 83
Mein wundervolles Mädchen 100
Gutachten, Gutachten, Gutachten 107
Nichts als die Wahrheit? 117
Tag 369 – Der Enthaftungsantrag scheitert 129
Untersuchungshaft und kein Ende in Sicht 134
Survival Mode – Überleben hinter Gittern 139
Der erste Prozesstag – 17. Juli 2024 – Tag 507 in U-Haft 150
Der zweite Prozesstag – 18. Juli 2024 – Tag 508 in U-Haft 179
Die Medien – Die Presseschar im Gerichtssaal 201
Der dritte Prozesstag – 1. August 2024 – Teil 1 – Freispruch oder Lebenslänglich? 206
Das Schlussplädoyer des Staatsanwalts 212
„Der Angeklagte hat das letzte Wort” 223
Der dritte Prozesstag – 1. August 2024 – Teil 2 – Der Freispruch – Minuten des Wahnsinns 225
Die Medien – Der große Knall 230
Der ganz besondere Glücksfall – Die Aufdeckungen durch den IT-Experten Dr. Marco Büchler 232
Stellungsnahme meines Verteidigers Dr. Albert Heiss 246
„Sie dürfen den Gerichtssaal als freier Mann verlassen” – Teil 2 250